Am 16. Oktober geht's ab nach Kalithea, ab 17. wird dann täglich ab 13.00 Uhr MEZ gespielt, 7 Runden nach Schweizersystem. Mindestens ein Teil der Begegnungen (lt. Veranstalter mehr als 50 Bretter) werden - wenn die Ankündigung stimmt - mit einer Stunde Verzögerung live übertragen. Befürchtet werden wohl elektronische Einflüsterer, eine Übertragung mit Zeitversatz findet ja nicht zum ersten mal statt.
Wie auch immer, für den SK Hohenems ist dieses Turnier der Superlative ein weiterer absoluter Höhepunkt in der Vereinsgeschichte. Es ist das sechste Antreten beim Europacup und es wäre schon eine ausgewachsene Sensation, wenn uns ein besseres Resultat wie im Jahre 2002 gelänge. Damals, gespielt wurde übrigens am selben Ort im selben Hotel Athos Palace am Strand von Kassandra, dem südlichen der drei Finger der Halbinsel Chalkidiki, erzielte Hohenems mit dem 12. Rang das bisher beste EC-Ergebnis.
Diesmal sind 62 Männer- und 18 Frauenteams am Start, so viele wie noch nie. Es ist ein wahres Großereignis mit 600 SpielerInnen, darunter 23 GM's mit mehr als 2700 ELO Punkten. Die beiden ganz Großen, Anand und Kramnik fehlen, da parallel in Bonn die Schachweltmeisterschaft läuft. Hohenems ist in der Setzliste mit einem ELO-Durchschnitt der ersten 6 Spieler von 2503 an 18. Stelle. Gegen die topgesetzten Russen von URAL Sverdlovskaya mit 2712 nimmt sich das freilich bescheiden aus. Die Leistungsdichte der 10 besten Teams ist denn auch enorm. Selbst das zwölftplatzierte deutsche Team von SV Mühlheim Nord weist noch einen Schnitt von 2592 auf.
Hohenems spielt in der Formation
1 David Baramidze
2 Arik Braun
3 Alexander Naumann
4 Michael Bezold
5 Valery Atlas
6 Milan Novkovic
7 Dmitry Atlas
Coach: Reinhard Kuntner
Wenn es die Technik zuläßt, wird es täglich einen Blog <unter weiter> auf dieser Seite geben. Hier sind schon einmal die wichtigsten Links:
Veranstalterseite mit Live-Partien
Aufstellungen und Ergebnisse
Tag 1 - Anreise

Blick aus meinem Zimmer kurz vor Einbruch der Dämmerung
Wir sind in Kalithea angekommen. Arik und David haben die ersten Züge gemacht, Schwimmzüge wohlgemerkt im immer noch angenehm warmen Mittelmeer. Ich hab den ersten längeren Strandspaziergang hinter mir. Um 19.00 Uhr gabs Abendessen (Qualität durchaus zufriedenstellend), anschließend die erste Teambesprechung. Teamchef Michael Bezold legte die endgültige Reihenfolge der Spielerliste fest:
1 GM David Baramidze
2 IM Arik Braun (GM Titel wird in Dresden endgültig verliehen)
3 GM Alexander Naumann
4 IM Valery Atlas
5 GM Michael Bezold
6 IM Milan Novkovic
7 FM Dmitry Atlas
8 Reinhard Kuntner (die Drohung ist stärker als die Ausführung)
Welche 6 Spieler morgen zur ersten Runde in den Ring steigen wissen wir zwar schon, wird aber nicht verraten. Jeweils um 11.00 Uhr sollten die Brettpaarungen on-line sein.
Michael und ich kommen gerade von einem ziemlich konfusen Captains-Meeting zurück. Drei Spieler spanischer Klubs wurden von der Teilnahme ausgeschlossen, da nicht nachgewiesen werden konnte, dass sie jemals zuvor für diese Klubs auch tatsächlich gespielt haben. ECU-Präsident appellierte an die Teams die Spieler trotzdem antreten zu lassen, alleine von den russischen Mannschaften kam ein striktes Njet.
Jungstar Caruana (einer der betroffenen) darf allerdings noch hoffen. Baden-Oos für das Caruana am letzten Wochenende die ersten zwei Bundesligapartien spielte zog in Erwägung, den jungen Italiener kurzerhand in ihren Team einen Platz anzubieten. Für Baden-Oos wäre er laut Regelement spielberechtigt. Ob der Deal in letzter Minute noch geklappt hat, wird man spätestens morgen sehen.
Die Beginnzeit der Runden wurde mit großer Mehrheit um eine 1/2 Stunde auf 14.30 Uhr griechischer Zeit (13.30 Uhr MEZ) verschoben. Der morgige Gegner steht noch nicht fest, da bis 23.00 Uhr fünf Mannschaften immer noch nicht eingetroffen sind. Einige sollen sich in einem Flieger aus Athen kommend befinden. Falls alle fünf eintreffen, sollten wir gegen Kopenhagen gepaart werden, bei normalem Spielverlauf sollte das eine klare Angelegenheit für uns werden, aber Vorsicht ist immer angebracht. Brett 1 der Dänen wird immerhin von einem Int. Meister mit einer ELO-Zahl von 2438 besetzt. Sollte allerdings auch nur ein einziges Team nicht erscheinen, werden wir einen anderen Gegner
zugelost erhalten, einen der in etwa einen Schnitt von knapp 2200 ELO-Punkten aufweisen wird.
Ein anstrengender Reisetag geht zu Ende, Alex mußte schon um 3.00 Uhr früh aufstehen, ich um halb vier. Morgen geht's los, jetzt wird erst mal ausgeschlafen.
Tag 2, Runde 1: Hohenems - Differdange (LUX) (deutsch: Differdingen)

David Baramidze beeindruckt zum Auftakt mit einer starken Leistung
Alle 64 gemeldeten Teams sind letztlich wohlbehalten in Kalithea angekommen. Auf Grund der endgültigen Teamlisten sind wir auf der Startliste um einen Platz (jetzt 19) nach oben geklettert und daher hieß der Gegner Differdange. Mit IM Thomas Henrichs (2485) auf Brett 1 hatten die Luxenburger durchaus auch ein schweres Kaliber in ihren Reihen und mit 2260 war der gegnerische Schnitt doch um einiges höher als vermutet. Michael hatte sich am Vorabend entschlossen unserer derzeit vielleicht gefährlichste Waffe, Arik Braun, noch eine Ruhepause zu gönnen. David hatte in der Oktoberperiode ca. 30 ELO-Punkte verloren und sollte in Runde 1 gegen einen vermeintlich leichteren Gegner mit einem Erfolgserlebnis in das Turnier starten.
Die Rechnung ging voll auf. Zwar gab es den leichten Gegner auf Brett 1 nicht, immerhin hatte David durch das Vorrücken des Teams um einen Listenplatz
den Anzugsvorteil. In der Vorbereitung entdeckte David die Möglichkeit eines interessanten Bauernopfers, das die Bauernstruktur des Gegners am Königsflügel nachhaltig schwächte. In der Partie kam die Variante dann tatsächlich aufs Brett. Was noch folgte war ein positionelles Qualitätsopfer mit einem dominierenden schwarzfeldrigen Läufer auf e5. Bemerkenswert die schwarze Turmstellung auf h6, von allen Seiten durch eigene Bauern und den eigenen König förmlich eingemauert.
Eine excellente Partie von David.
Alex bekam recht rasch eine symmetrische Stellung in der aber eher der Gegner gewisse Chancen auf Initiative hatte. Zum Zeitpunkt des Remisangebots zeichneten sich bereits einige gute Stellungen der Kollegen ab.
Valery auf Brett 3 hatte recht schnell einen Bauern mehr, der Gegner hatte aber Kompensation auf der von ihm besetzten f-Linie. Da ein Weiterspielen mit unkalkulierbaren Risiken verbunden gewesen wäre, wird Zugwiederholung forciert. Der Luxenburger läßt sich nicht zweimal bitten und streift gegen einen starken internationalen Meister gerne den halben Punkt ein.
Eine souveräne positionelle Partie spielt Michael auf Brett 4 mit den schwarzen Steinen. Nach und nach werden die Leichtfiguren abgetauscht bis Michael ein starker Springer gegen einen Läuferstatisten (langer Bauer) übrigbleibt. Im Endspiel geht dann sehr rasch gar nichts mehr.
Bei Milan schien es, dass die Partie nach einem frühen Bauergewinn recht sicher zum Sieg zu führen sein würde, doch der Eindruck täuschte. Das schwarze Läuferpaar und ein gewisser Raumvorteil ließen dem Gegner gute Remischancen. Im Mittelspiel entschloss sich Milan mit einer Minusqualität, dafür aber mit 4 gegen 2 Bauern zu spielen. Diese Stellung war vermutlich Remis, doch leistete sich sein Gegner mit einem unvorsichtigen Vorstoß eine Bauernschwäche, die in der Folge zu einem Bauernverhältnis von 3 : 0 und führte. Das Vorrücken der Bauern war dann nicht mehr aufzuhalten.
Dmitry hatte wie so oft in seinen Partien die französische Verteidigung gewählt und nach nicht sehr ambitionierter weisser Spielführung rasch die Initiative übernommen. Dabei wurden die schwarzen Königsflügelbauern nach vorne gerückt was den eigenen König bei vollem Brett auch angreifbar machte. Nach der Eroberung des weissen Bauern d4 war die Partie gelaufen. Der Gegner versuchte noch Verwicklungen herbei zu führen. In Zeitnot war in kritischer Stellung noch ein richtiger Königszug zu finden.
5 : 1, der erwartete Auftaktsieg war unter Dach und Fach. Lange dauerte dannach die Auslosung von Runde zwei. Teamchef Michael Bezold bestellte inzwischen die Mannschaft zur gemeinsamen Analyse der Partien. Dies wird während der gesamten Dauer des Turniers so gehandhabt werden. Erst gegen 23.00 Uhr wurde bekannt, dass die slowenische Mannschaft aus Ptuj mit Pavasovic auf Brett 1 unser morgiger Gegner sein wird. Es folgt nochmal ein kurzes Team-Meeting, Michael meint, er selbst werde in Runde 2 pausieren.
Tag 3, Runde 2: Ptuj (SLO) - Hohenems

Arik Braun, vor der Partie gegen Borisek, ganz locker wie immer
Um es gleich vorweg zu nehmen, meine geheimen Wünsche, mit einem Sieg gegen die Slowenen bis zu den elektronischen Brettern vorzustoßen, um unseren Fans zu Hause zumindest einmal die Chance zu geben unsere Partien live mit verfolgen zu können, erfüllten sich nicht. Das 3 : 3 Unentschieden gegen einen gleichwertigen Gegner kann sich aber sehen lassen.
Lediglich die Partie von Maksimenko gegen Alex Naumann endete relativ früh in ausgeglichener Stellung remis. Aber damit konnten wir immerhin eine Schwarzpartie abhaken, bei der wir vermutet hatten, dass uns eine lange und zähe Verteidigung bevorstehen würde. Die fünf anderen Partien ließen zu dem Zeitpunkt leichten Optimismus aufkommen, da Arik Brauns Stellung sichtlich vorteilhaft war. Im weiteren Wettkampfverlauf hatten wir jedenfalls so etwas die die psychologische Initiative.
Zunächst mußte Valery in seiner Partie gegen den alten Haudegen Polajzer ewiges Schach forcieren, da bei weiterem Figurentausch das Endspiel schlecht, wenn nicht sogar verloren gewesen wäre. Damit war eine Weisspartie nicht ganz zu unserer Zufriedenheit verlaufen, 1 : 1.
Arik's Stellung war zwar optisch schön anzuschauen und ich sah durchaus einen Vorteil, ein Urteil, das in unserer Runde von Großmeistern und Int. Meistern allerdings nicht viel zu sagen hat.
Michaels Kommentar war schlicht: "was soll er denn angreifen?" Bei genauerem Hinsehen fiel mir dann auch auf, dass man nur mit sehr viel Fantasie etwas verwertbares sehen konnte. Arik selbst besaß
diese Fantasie offensichtlich, denn plötzlich ging ein Getümmel los mit zumindest für mich unüberschaubaren Verwicklungen. Mir schien, Arik spielte sehr riskant, wie er mir nach der Partie versicherte, hatte er aber jederzeit alles im Griff. Am Ende zauberte Arik mit Turm, Läufer und Springer gegen ein Doppelturmpaar einen Mattangriff aufs Brett. Dazu ging ihm alles spielend leicht von der Hand, er hatte zum Zeitpunkt der Aufgabe eine Stunde mehr Bedenkzeit auf der Uhr. Das war die Führung, 2 : 1.
Während die Partien von David und Milan Grund zu Sorge bereiteten, kippte auf Brett sechs die Partie plötzlich auf Dmitry's Seite. In einer sehenswerten Attacke mit Unterstützung der gegnerischen Zeitnot wurde ein Springer ins Geschäft gesteckt, den Dmitry kurz danach mit Zins und Zinseszinsen zurückbekam. Den weissen Zentrumsbauern fehlten plötzlich ihre Gegenüber jeder weitere Widerstand war zwecklos, es stand 3 : 1 für Hohenems. Ein Mannschaftspunkt war uns damit sicher. Die beiden noch laufenden Partien blieben jedoch schlecht.
David hatte im Mittelspiel dem Vorstoß des weissen a-Bauern auf a4 nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Prompt kostete dieses Manöver einen Bauern und in weiterer Folge die Partie.
Milan spielte beim Stand von 3 : 2 bereits mit Springer gegen Turm, verteidigte sich so zäh wie möglich doch die Stellung war nicht zu halten. In einer schwierigen Igel-Stellung versuchte Milan eine Gegeninitiative am Königsflügel. Der Turm schwenkte über g8 und g6 nach h6. Diesen Moment nutzte der Gegner zu einem Durchbruch im Zentrum. Fast hätte die schwarze Verteidigungsstellung gehalten, doch Weiss kann seinen König über g3 in Marsch setzen wogegen kein Kraut gewachsen war.
Fazit: 3 Matchpunkte nach 2 Runden, damit läßt es sich gut leben. Lehrreich (zumindest für mich) war wieder die abendliche Analyse der Partien. Obwohl Dmitry mit 2 aus 2 als einziger noch ohne
Punkteverlust da steht, waren wir uns einig, dass die Partie des Tages heute von Arik Braun gespielt wurde. Deutlich früher als gestern wurde dann die Auslosung für Runde 3 bekannt. Wir haben mit Kiev eine der stärksten Mannschaften des Turniers zugelost bekommen. Mit Sergey Karjakin und Dmitry Jakovenko spielen auf Brett 1 und 2 zwei absolute Topleute mit mehr als 2700 ELO-Punkten. Von den anderen sechs Spielern hat keiner weniger als 2600 Punkte, Alexander Beliavsky ist nur zweiter Ersatz bei den Ukrainern.
Bumm, wie die Zuversicht hochhalten? Ich bin optimistisch, dass sich über Nacht das Gefühl noch einstellen wird, dass es gegen Kiev für jeden einzelnen ein großer Moment ist, spielen zu dürfen. Wir hatten im Europacup auch schon große Brocken vorgesetzt bekommen, Kiev ist aber die stärkste Mannschaft, gegen die Hohenems je anzutreten hatte. Der zweite Ersatzspieler der Mannschaft aus Kiev hat eine höhere ELO-Zahl als unser Brett 1. Aber was soll's, ELO-Zahlen sind Schall und Rauch, oder wie ein Schachphilosoph einmal meinte: "stark sein alleine genügt noch nicht, man muß auch stark spielen". Wie nur mit übermächtigen Gegnern umgehen? Das Match ist vielleicht vergleichbar mit der Partie Russland - Österreich bei der nächsten Eishockey-WM. Das Motto kann nur lauten: "Du hast keine Chance, also nutze sie!"
Wir spielen Paarung Nr. 8 und haben die elektronischen Bretter die live übertragen werden knapp verpaßt, nur die ersten sechs Begegnungen werden übertragen. Alex wollte nicht die dritte Partie
hintereinander mit Schwarz spielen, Michael akzeptierte. Mein erster Einsatz stand kurz zur Diskussion, nachdem auch andere Bereitschaft zum Pausieren signalisierten. Man war sich dann aber doch schnell einig, dass ich beim Bloggen bessere Dienste leisten könne.
Tag 4, Runde 3: Kiew (UKR) - Hohenems

Z. Efimenko eröffnet seine Partie gegen Valery Atlas
Heute setzte es gegen eine Klassemannschaft eine Schlappe von 0,5 : 5,5. Einzig David Baramidze erkämpfte sich gegen Segey Karjakin auf Brett 1 ein Remis. Die Niederlage fiel aber zu hoch aus, denn weitere Chance waren durchaus vorhanden. Es dauerte auch recht lange bis die erste Partie verloren war. Der Kampfgeist stimmte, leicht hatten es unsere Gegner nicht, jedenfalls nicht so leicht, wie das Ergebnis vermuten läßt.
Arik Braun wurde von Dmitry Jakovenko mit Schwarz zwar schön ausgekontert, im Endspiel mit je einem Turm und ungleichfarbigen Läufern sollte der Minusbauer aber doch zum Remis reichen. Arik übersah jedoch einen Zug, verlor einen zweiten Bauer und damit die Partie.
Milan Novkovic spielte gegen Baklan geriet mit Schwarz bald unter dauerhaften, unangenehmen Stellungsdruck. Ein weisser Freibauer auf der b-Linie schwebte während der gesamten Partie wie ein Damoklesschwert über der schwarzen Stellung. Milan verteidigte sich lange zäh, doch half am Ende alles nichts. Aus dem einzelnen Freibauer wurde ein unwiderstehliches Freibauernpaar, das nicht mehr aufzuhalten war.
Beim Stand von 0 : 2 mußte David Baramidze in eine Zugwiederholung einwilligen, aber immerhin war damit die Gefahr, die Höchststrafe auszufassen gebannt. Zu diesem Zeitpunkt durfte man aus den verbleibenden drei Partien durchaus noch mit dem einen oder anderen Punktezuwachs spekuliert werden.
Dmitry Atlas spielte gegen den großen Alexander Beliavsky eine zähe Partie und hatte, wie die Analyse mit dem Meister später zeigte mehr als einmal, bis ins Turmendspiel hinein, immer wieder Remisfortsetzungen. Irgendwann war auch die letzte Chance dahin und der haushohe Favorit hatte seinen Punkt. Es war aber doch eine tolle Vorstellung gegen einen um 300 ELO-Punkte besseren Gegner.
Die vielleicht besten Chancen sogar auf den vollen Punkt hatte Michael Bezold in seiner Partie gegen Onischuk. Onischuk lehnte ein Remisangebot ab, erhielt in der Folge aber eine schlechtere Stellung. Im kritischen Moment, um den 40. Zug herum, waren Möglichkeiten vorhanden mit energischen Zügen deutlich in Vorteil zu kommen. Michael spielte nicht die besten Fortsetzungen, gewann zwar einen Springer, mußte aber drei Bauern geben. Der g- und der h-Bauer erwiesen sich dann als zu gefährlich.
Am längsten kämpfte Valery Atlas gegen Efimenko. Schon in der Eröffnung ergab sich eine äußerst ungewöhnliche Stellung mit materiellem Vorteil für den Ukrainer, dafür dominierte Valery das Zentrum und hatte gutes Gegenspiel. Turm und Läuferpaar hätten bei ganz genauem Spiel den weissen Läufer und das Turmpaar in Schach halten können, es war jedoch äußerst präzises Spiel erforderlich. In Zeitnot verpaßte Valery ein mal den besten Zug und von da an wendete sich das Blatt ganz langsam. Nach langer und zäher Abwehrschlacht mußte er sich schließlich doch dem um mehr als 200 ELO Punkten stärkeren Gegner geschlagen geben.
Fazit: ein Matchpunktezuwachs war außer Reichweite, bis zu zwei Punkte wären aber möglich gewesen. Das gute an der Matchpunktewertung ist, dass eine solche Niederlage nicht so stark ins Gewicht fällt. Heute wurden in mindestens 3 bis 4 Partien gute Chancen ausgelassen, aber unter Druck passieren eben mehr Fehler und Druck war überall deutlich spürbar.
In Runde 4 haben wir nun wieder eine lösbare Aufgabe. Die englische Mannschaft Betson.com hat ebenfalls nach drei Runden drei Mannschaftspunkte. Die Engländer haben zwar keine großen Stars in ihren Reihen, sind aber kompakt aufgestellt mit 6 Spielern zwischen 2450 und 2300 ELO-Punkten. Wir sind Favorit und es ist eine Schlüsselrunde für uns. Bei einem Sieg winkt in der übernächsten Runde wieder ein möglicherweise sehr attraktiver Gegner, gibts einen Sitzer müssen deutlich kleinere Brötchen gebacken werden. Ich hoffe, die Umstellung morgen gelingt. Alexander Naumann bekommt morgen endlich seine erste Weisspartie, Milan wird pausieren.
Tag 5, Runde 4: Hohenems - Betson.com (ENG)

Alexander Naumann spielt bis jetzt ein sehr gutes Turnier. Mit schwarz zweimal bombensicher remisiert und mit weiss heute in einer sehenswerten Partie den Gegner schön und locker ausgespielt
Wir wußten noch von früheren Europacups her, dass die Umstellung von einem übermächtigen Gegner auf einen vermeintlich leichten, gegen den ein Pflichtsieg her muss, eine psychologisch ganz schwierige
Aufgabe ist, an der wir mehrfach schon gescheitert sind, in Fügen 2006 gleich zweimal in Serie. Gegen die Engländer vom Klub Betson.com ist uns das nicht passiert, wir behielten mit 3,5 : 2,5 die Oberhand
und kamen mit einem blauen Auge davon, doch insgesamt war es heute die schwächste Mannschaftsleistung bisher.
Der Auftakt paßte noch, Alexander Naumann kannte sich offensichtlich in der gewählten Eröffnungsvariante sehr gut aus und überspielte seinen Gegner sehr schnell, die Aufgabe erfolgte schon kurz nach dem 20. Zug.
Arik Braun probierte, wie er mir nach der Partie sagte, zum ersten mal Russisch aus und konnte damit immerhin relativ problemlos ein Remis sicherstellen. Es war eine eher unspektakuläre Partie, in der Weiss kein
Risiko eingehen wollte.
Dmitry spielte in gewohnt souveräner Manier allerdings verlor sein Gegner erst kurz vor dem 40. Zug den Faden und mußte nach einer undeckbaren Doppeldrohung, die eine Figur gekostet hätte aufgeben.
Damit waren erst einmal 2,5 Punkte unter Dach und Fach.
Völlig überraschend geriet auf Brett 1 David nach einer falschen Abwicklung mit Weiss auf die Verliererstraße. Das Endspiel war glatt verloren, die Engländer verkürzten auf 2,5 : 1,5. Ein Blick auf Valerys Partie
ließ schon zu diesem Zeitpunkt nicht Gutes erahnen. Es zeichnete sich ab, dass er die Stellung überzogen hatte.
Bei Michael hingegen war die Sache klar, Läuferpaar und zwei Mehrbauern, das war nur mehr Technik. Nach dem der Gegner den richtigen Zeitpunkt zur Aufgabe verpaßt hatte, gab es zum Schluß ein Matt.
damit stand der Mannschaftssieg fest.
Bei Valery bestätigten sich leider die Befürchtungen. Je ein weisser und schwarzer Bauer verwandeln sich zur Dame womit das Endspiel verloren ist, denn ein weiterer weisser Bauer war mit Unterstützung der
Dame und des Königs bereits sehr weit vorgerückt. Endstand 3,5 : 2,5.
Fazit heute: wir haben uns irgendwie weiter entwickelt. Solche Wettkämpfe haben wir früher verloren. Heute lief es schlecht, aber es hat trotzdem gereicht um die wichtigen zwei Matchpunkte unter Dach und Fach zu bringen.
Der morgige Gegner Oss aus Norwegen ist zu unserer Überraschung wieder eine Mannschaft vom Kaliber der Engländer, ein starker Mann auf dem Spitzenbrett und der Rest Leute zwischen 2350 und 2200.
Wir sind gewarnt, ich hoffe, morgen wird das eine etwas klarere Angelegenheit.
Tag 6, Runde 5: OSS (NOR) - Hohenems

Dmitry Atlas spielt bisher in bestechender Form. Vier Partien von fünf gewonnen, nur dem großen Alexander Beljawsky mußte er sich beugen und das nur nach äußerst hartem Kampf. Seine IM-Normchance lebt.
Gleich vorweg die Topmeldung: Diese Runde 6 hat uns mit einem überzeugenden Sieg gegen die Norweger in die sechs Top-Begegnungen katapultiert. Damit haben wir nun wirklich nicht mehr gerechnet, wir sind morgen live zu sehen! Der Gegner (Clichy) ist zudem nicht übermächtig, das ist die Jahrhundertchance für uns. Doch zunächst zum heutigen Wettkampf, der wie erhofft deutlich klarer entschieden werden konnte als das Match tags zuvor gegen die Engländer. Wir gewannen 4,5 : 1,5 und heute gab es auch keine einzige Niederlage.
Zunächst remisierte Alex Naumann seine dritte Schwarzpartie. Nach einer kleinen Ungenauigkeit drohte der Weisspieler leichten Vorteil zu erlangen. Zu dem Zeitpunkt standen wir auf zwei Brettern bereits deutlich besser, weshalb Alex ganz im Mannschaftssinn den Moment gekommen sah, ein Remisoffert zu machen. Der um 200 ELO-Punkte schwächere Norweger nahm das Angebot an.
Mit Jon Ludvig Hammer hatten die Nordländer einen ganz jungen uns unbekannten Internationalen Meister mit 2530 ELO-Punkten auf Brett 1 aufzubieten. David Baramidze spielte mit schwarz und hatte gegen einen
Abtauschspanier zu spielen. Die weisse Bauernmehrheit am Königsflügel war im Endspiel mit ungeleichfarbigen Läufern nicht zu verwerten. Damit stand es 1 : 1.
Milan spielte ebenfalls mit den schwarzen Steinen und gewann schon früh durch ein Versehen seines Gegners den wichtigen e4 Bauern, womit die Partie im Grunde gelaufen war. Zwar entfaltete der Gegner noch eine zeitlang eine Initiative, doch schüttelte Milan nach und nach den Druck ab und rückte mit dem Mehrbauer vor. Ein drohender Figurengewinn zwang den Gegner schließlich zur Aufgabe.
Bei Arik Braun kam es aber anderes als vermutet. Viel hätte ich gewettet, dass der starke weisse Angriff von Arik sehr schnell zum Erfolg führen würde. Tatsächlich gab es auch einmal eine Gewinnfortsetzung, die Arik allerdings übersah. Dannach wurde die weisse Stellung sogar kritisch und war lt. Einschätzung Ariks in den darauf folgenden Verwicklungen sogar verloren, doch in Zeitnot fand sein Gegner ebenfalls nicht die besten Züge. Es entstand ein Endspiel Turm und ungleichfarbige Läufer mit 2 gegen 3 Bauern, das für den Norweger nicht zu gewinnen war. Es stand 2,5 : 1,5.
Auch bei Michael wendete sich das Blatt zusehends in seine Richtung. Nachdem sein Gegner die Türme unglücklich aufgestellt hatte entschied ein Bauernvorstoß die Partie. Ein schwarzer Bauer rückte bei vollem Brett zwar bis nach d2 vor und blieb dort einige Zeit stehen. Der letzte Schritt war für diesen Bauern aber nie möglich und zu gegebener Zeit wurde er auch eliminiert. Der weisse Stellungsvorteil war danach erdrückend. Die Verwertung war dann einfach.
Immer mehr zum absoluten Halt für das ganze Team wird Dmitry Atlas, der heute den 4. Sieg in seiner 5. Partie einfahren konnte. Es war ein zähes und lange andauerndes Ringen um einen kleinen Stellungsvorteil. Nach langem Kampf blieb schließlich nebst einer 4:4 Bauernparität am Königsflügel ein freier weisser b-Bauer übrig. Dazu waren anfangs noch ein Turm und je zwei Springer vorhanden. Die Türme wurden abgetauscht, übrig blieben vier Springer. Dmitry setzte seine Pferde zusammen mit seinen Königsflügelbauern virtuos ein und hielt den schwarzen König in seinem Palast fest. Die gegnerischen Gäule wurden in alle Himmelsrichtungen vertrieben, sodass diese zusammen mit dem eingesperrten Monarchen hilflos zusehen mußten, wie der b-Bauer unwiderstehlich Richtung Umwandlungsfeld zog.
Die abendliche Analyse war dann auch ein Genuß. Mitten in unseren Untersuchungen, wurde dann die Rundenauslosung für die sechste und vorletzte Runde bekannt. Ich traute zunächst meinen Augen nicht. Heute spielten wir noch auf Tisch15, aber morgen stehen wir im Rampenlicht, auf den Übertragungsbrettern, wo ansonsten nur die absoluten Top-Teams zu sehen sind. Mit Clichy haben wir einen Gegner gezogen, der nur unwesentlich stärker einzuschätzen ist als die Slowenen, denen wir in Runde zwei ein 3 : 3 abgetrotzt haben. Besonders vorne wird es aber sehr schwer, stehen mit Tregubov, David Alberto und Pelletier drei starke Großmeister im Aufgebot der Franzosen. Auf Brett 4 spielt ein junger internationaler Meister, Romain Edouardmit 2530 ELo-Punkten. Auf Brett 5 und 6 haben sie Leute mit 2375 und 2354.
Morgen ist unsere erste Europacupschlacht, die live im Internet mitzuverfolgen sein wird, das ist ein neuerliches Highlight für unseren Klub. Wir laden alle Schachfans ein die die Möglichkeit dazu haben, die Partien mit zu verfolgen und uns die Daumen zu drücken. Heute war die Entscheidung, wer die sechs Kämpfer sein werden ganz schwer zu treffen. Dmitry zeigt hier sensationelles Schach und mit einem starkem Finish und noch einem Großmeister als Gegner in der letzten Runde ist es für ihn möglich, seine erste IM-Norm zu schaffen. Solange diese Chance lebt, wird Dmitry weiterspielen. Für Valery lief es trotz bestem Bemühen bisher gar nicht nach Wunsch. Morgen soll er aber mit seiner dritten Schwarzpartie hintereinander eine neue Chance bekommen,
einen möglicherweise entscheidenden Beitrag zu leisten. Da wir in diesem Schlüsselwettkampf natürlich unsere 4 Großmeister (Michael, Alex, Arik und David) einsetzen wollen wird Milan zum zweiten mal einen Wettkampf
als Zuschauer verfolgen. Dmitry wollte den Platz unbedingt Milan überlassen unter Verzicht auf seine Normchancen, doch diese Aufstellungsvariante schien Michael die beste zu sein und bisher gibt ihm der Erfolg recht.
Tag 7, Runde 6: Hohenems - Clichy (FRA)

Michael Bezold hat hier beim ECC zum ersten mal die Rolle des Teamcaptains übernommen, quasi als Probelauf zur Bundesliga. Schon in zwei Wochen geht es in St. Veit los.
Eine aufregende Partie war das heute gegen den vielfachen französischen Meister. Am Ende stand ein gerechtes 3 : 3 zu Buche. Mit den schönen Holzfiguren auf den elektronischen Brettern geht man schon mit größerer Ehrfurcht um, das Gefühl hatte
ich als Beobachter jedenfalls. Der Wettkampf hatte kaum begonnen, da bekam Arik Braun nach ca. 15 gespielten Theoriezügen ein Remisangebot von David Alberto. Wie sich später herausstellte zum Glück, lehnte er dieses mit Schwarz spielend ab.
Kommentar Arik nach der Parite: "Meine Fans an den PC-Bildschirmen wollten mich spielen sehen". Bravo Arik, kann ich da nur sagen, da können sich manche arrivierte und satte sogenannte Stars eine Scheibe abschneiden.
Das Match war ganz eng und hätte sowohl knapp gewonnen aber auch verloren werden können. Alex und David remisierten, nachdem im Mittelspiel mit Weiss nicht mehr als Ausgleich erzielt werden konnte.
Der frühere Europameister Tregubov auf Brett 1 erzwang eine Zugwiederholung, Yannick Pelletier auf Brett 3 schaffte es mit schwarz ebenfalls das Spiel zu neutralisieren. Zwei Weisspartien waren weg, ich hatte bereits ein mulmiges Gefühl, zumal Valery
unter starkem Druck stand und eine schwierige Verteidigung bevorstand. Tatsächlich gewann sein junger französicher Gegner zunächst die Qualität und kurz danach die Partie, wir lagen hinten.
Zu diesem Zeitpunkt waren wir aber noch recht optimistisch, dass das Ergebnis noch zu drehen sein würde, denn Dmitry auf Brett 6 konnte sich wegen eines Übersehens seines Gegners aus der Umklammerung befreien und erhielt ein
Endspiel mit Minusqualität, dafür zwei starken verbundenen Freibauern. Wir waren sehr zuversichtlich, dass die Stellung zu gewinnen sein würde. Auch Arik schien sich Chancen auf den vollen Punkt erhalten zu haben, zumal sein Gegner stark in Zeitnot geriet.
Michael hatte ein Endspiel mit einem Bauern mehr doch war klar, dass bei drei gegen zwei Bauern am Köngsflügel und je einem Läufer ein Gewinn fast unmöglich war.
Zunächst spielte Dmitry in Zeitnot vermutlich nicht das genaueste (umfassende Analysen fehlen aber noch) und so gelang es der Turmseite gegen den Läufer mit einem verbleibendem Bauern die Stellung auszugeleichen.
Michael stellte dann auch irgendwann einmal seine Gewinnversuche ein, damit stand es 2 : 3 und bei Arik war von einem gewinn weit und breit nichts zu sehen. Arik kam in dieser Situation zu mir und sagte, wohl um mich auf die bevorstehende Mannschaftsniederlage
einzustimmen: " Ich sehe nichts mehr". Zuvor war er sicherlich noch zuversichtlich, dass irgend etwas gehen würde. Sein Gegner geriet aber erneut in Zeitnot und konnte sich nicht entscheiden, einen bis auf die vorletzte Reihe vorgerückten Bauern zu schlagen.
Als er ihn schließlich schlug, war es bereits zu spät, Ariks Läufer machte sich über die auf weiss festsitzenden Bauern her. Erstmals haben wir hier in diesem Turnier eine brenzliger Lage bereinigt.
Mit diesem weiteren Punktegewinn war klar, dass uns in der siebenten und letzten Runde mit 90 % Sicherheit eine schwere Aufgabe bevorstehen würde, denn ebenfalls 8 Mannschaftspunkte so wie wir hat zum Beispiel das armenische Team Bank King mit Carlsen, Aronian und Gelfand.
Tatsächlich hat uns das Auslosungsprogramm von Heinz Herzog das russische Team Gazprombank beschert, welches fünf Großmeister und zwei internationale Meister in ihren Reihen hat. Die Russen sind die Startnummer 13 des Turniers, wir die Nummer 19 und daher
haben die Russen ganz klar die Favoritenrolle inne.
Dmitry wird auch eine siebente Partie hier in Kalithea spielen, denn seine Norm-Chancen sind nach dem heutigen Remis durchaus noch intakt. Er bekommt morgen auch den noch nötigen zweiten internationalen Titelträger. Nach unseren Berechnungen benötigt er ein Remis
für eine IM-Norm. (Ein GM zählt für zwei IM's) Pausieren wird in der Schlußrunde nochmals Valery, dessen Formkurve nicht und nicht nach oben zeigen will.
Tag 8, Runde 7: Gazprombank (RUS) - Hohenems

Milan war gestern der Unglücksrabe des Turniers. Erst spielte er gegen den russischen GM Yevseev mit schwarz eine Superpartie, wurde dann aber Opfer einer Fata Morgana.
Wir haben gegen die Russen doch eine hohe Niederlage ausgefaßt und das obwohl der Wettkampfverlauf lange Zeit zumindest einen knappen Ausgang versprach. Gestern hieß es quasi Volksbank gegen Gazprombank. Die Überlegenheit des Gegners beim Sponsor setzte sich auf den Brettern
fort. Wir hatten von Brett 1 bis 6 ein ELO-Minus aufzuweisen, überall so zwischen 60 (Brett 4) und 200 (Brett 6) Punkten. Trotzdem wollten wir versuchen, das Unwahrscheinliche zu realisieren. Bei einem weiteren 3 : 3 Unentschieden würde uns eine Endplatzierung so um unsere Startnummer 19 herum winken. Um es gleich vorweg zu nehmen, ein Mannschaftsunentschieden war an diesem Tag für uns nicht drinnen, doch 2 bis 2,5 Punkte schon. Wir haben jedenfalls wie schon gegen Kiev unnötigerweise zu hoch verloren. An der Endplatzierung hätte sich freilich kaum entwas geändert, maximal 1 bis 2 Ränge hätten wir uns besser platzieren können.
Der Optimismus stieg zunächst als Dmitry Atlas mit der selben Variante wie schon gegen Beliavsky, nur diesmal verbessert mit des Meisters Vorschlägen, gegen Klimov eine Stellung gegen den schwarzen d5-Isolani bei schon etwas reduziertem Material erhielt. Die weisse Stellung war angenehmer und hatte keinen Schwachpunkt. Das wurde auch von dem Russen anerkannt und daher akzeptierte er Dmitrys Remisangebot. Dmitry war damit mit 5 aus 7 der Punktescorer unseres Teams. Er brachte eine ELO-Performance von 2505 und erzielte damit quasi eine "unechte IM-Norm". Er efüllte sämtliche Anforderungen, lediglich 1 GM und 1 IM waren um einen Internationalen Titelträger zu wenig.
Arik Braun hatte es mit dem jungen russischen Shootingstar Vitiugov zu tun, der sich noch letzte Woche im Spitzenfeld der russischen Meisterschaft behauptete. Optisch hatte Arik mit der besseren Bauernstruktur ein kleines Stellungsplus doch fand sein Gegner eine remisfortsetzung durch Zugwiederholung. Damit stand es zwischendurch 1 : 1 unentschieden. Zu diesem Zeitpunk waren Michaels und Milans Stellungen in Ordnung, David und Alex standen hingegen schlechter.
Michaels Gegner Turov bot schon recht früh ein Remis an, nachdem sich Michael wie bekannt mit weiss sehr kompakt aber etwas passiv aufstellte. Alles blieb zunächst auf den ersten drei Reihen stehen. Aus dieser gesicherten Position heraus lassen sich normalerweise durchaus interessante Initiativen entfalten, doch gegen den Russen ging es diesmal schief. Ein Remis war in dieser Partie dennoch möglich, bot doch Turov schon früh eine Punkteteilung an. Nach kurzer Rücksprache waren wir uns aber einig, dass wir die Entscheidung auf dem Brett suchen wollten. Bei zwei schlechteren Stellungen eine gleich stehende Partie remis zu geben, hätte gegen eine solche Klassemannschaft bedeutet, die Mannschaftsniederlage praktisch zu akzeptieren. So haben wir dennoch die erwartete Niederlage kassiert, aber mit Kampf.
Bei Milans Partie spielte sich ein Drama ab, das man nur selten sieht. Erst spielt Milan mit schwarz eine Klassepartie an der es absolut nichts auszusetzen gab und die in einen völligen Stellungsgleichstand mündet.e Als das Remis mit einem Damentausch oder Dauerschach endgültig abgesichert werden konnte verfällt er
dem Trugschluß, er könne jetzt die Partie sogar gewinnen. Die Geometrie der Stellung ist einfach: Jeder Spieler hat noch Dame, Turm und Springer bei 4 : 3 Bauern zu Gunsten Milans. Die schwarze Dame steht auf d4, der schwarze Springer auf f6, der schwarze König auf g7, der Turm tut nichts zu Sache.
Die weisse Dame steht auf f5, der weisse Springer auf e5, der weisse Turm auf c7. Die weissen Figuren stehen alle optimal und hätten der geschwächten schwarzen Königsstellung gefährlich werden können.
Alle, sogar ich sahen, dass nun ein forcierter Remisweg vorhanden war und zwar so: der weisse König stand auf g1, weisse Bauern auf f2, g2 und g3. Man konnte also auf d1 ein Damenschach geben, der König mußte auf h2 wo ein weiteres Damenschach auf h5 folgte. geht der König zurück folgt Zugwiederholung. Stellt er auf h3 die eigene Dame dazwischen wird diese abgetauscht. Der schwarze Mehrbauer geht zwar in der Folge verloren, doch das Endspiel ist klar remis. Das Damenschach kam aber zum Entsetzen der Zuseher nicht auf d1 sondern auf a1 mit der Überlegung, nach Kh2 den Springer auf e5 mit der Dame zu schlagen und nach dem Wiedernehmen mit der weissen Dame dann die entscheidende Springergabel auf g4 zu geben. Das Problem dabei war nur, dass nach dem Schlagen auf e5 der Springer gefesselt ist, man nennt das in der Fachsprache glaube ich "träges Restabbild". Die Dame war in der Vorstellung immer noch auf f5. nach einem langen Turnier und einer anstrengenden Partie können solche Fehler schon passieren. Aussderdem war es zu diesem Zeitpunkt auf Grund des Wettkampfverlaufs schon "nötig" eine Partie zu gewinnen. Da sieht man dann halt gerne einmal einen Gewinn, der in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Milan darf auf diese Partie dennoch stolz sein. Er hatte sich bestens auf seinen Gegner vorbereitet und noch Stunden vor dem Wettkampf etliche Partien des Gegeners studiert. "Er spielt ganz nach meinem Ideal", sagte Milan nach der Partie. "Fehlerfreies Spiel und geht vor allem mit weiss nie ein Risiko ein". Milan hatte also quasi gegen die Idealvorstellung von sich selbst zu spielen und brachte eine der besten Partien der letzten Jahre zustande.
Schach kann manchmal grausam sein: alles richtig gemacht, am Ende ein Fehler, der mit dem schachspielerischen Können nicht das geringste zu tun hat und weg ist der verdiente halbe Punkt. Milan konnte sich trösten, sein Missgeschick war für das Mannschaftsergebnis bedeutungslos.
Auch bei Alex, der mir schon früh über seine schlechte (seiner Meinung nach sehr schlechte) Stellung sein Herz ausschüttete war nichts mehr zu machen. GM Yemelin kassierte einen vorgerückten Freibauern und stand in einem Endspiel mit zwei Mehrbauern. Es stand 4 : 1.
Immer noch zäh am kämpfen, wenngleich mit dem Rücken zur Wand war David gegen Zvaginsev. An diesem Brett hieß es Dame und zwei Bauern (David) gegen Turm, Läufer und vier Bauern (Zvaginsev). Diese Partie verdeutlichte vielleicht am eindruckvollsten, dass die Hohenemser Mannschaft bei diesem Europacup vor allem eines tat: sie kämpfte.
Nachdem am Nebentisch in der Partie Ponomariov gegen Postny ein Endspiel Turm gegen Springer endlich Remis gegeben wurde, war unsere Brett 1-Partie die letzte noch laufende in diesem EC-Bewerb. Rund herum wurden bereits die Spiele abgeräumt, der Turniersaal mußte ja schließlich rechtzeitig zur Siegerehrung umgebaut werden.
100 Züge waren bereits überschritten, die Aufmerksamkeit des Russen ließ offensichtlich nach, da brachte David ein Damenopfer an, das zu einer Pattstellung führte. Das Opfer mußte angenommen werden, da ansonsten der weisse Turm erobert worden wäre. erst hinterher verstand ich Davids merkwürdige Königsmanöver (oder glaubte sie zu verstehen), während der
Partie eschienen sie mir rätselhaft. Es ging nur darum, den Gegner zu provozieren, seinen eigenen König möglichst in eine Pattstellung zu bekommen, um im richtigen Moment die Dame als letzte bewegliche Figur zum Fraß vorzuwerfen. Die Rechnung ging auf, die Zähigkeit hat sich für David gelohnt.
Endstand gegen die Russen: 1,5 : 4,5.
Tag 9, Abreise - Fazit:

Das Hohenemser EC-Team 2008 spielte im bestbesetzten Europacup aller Zeiten. Bei der insgesamt 7. Europacupteilnahme seit 1998 sah ich trotz der beiden hohen Niederlagen insgesamt die bisher beste Leistung einer Hohenemser Mannschaft.
Bei der Siegerehrung standen selbstverständlich andere im Rampenlicht und unseren Startrang 19 konnten wir nicht verteidigen. Am Ende schaute bei 8 Mannschaftspunkten und 21 Brettpunkten (genau 50 %) Rang 26 heraus, doch beeinflußt das Schweizersystem bei der Auslosung recht massiv die Chancen auf eine etwas bessere oder schlechtere Platzierung.
Der neue EC-Sieger heißt URAL mit Radjabov, Kamsky, Grischuk und Co. Der deutsche Meister Baden-Baden hätte es in der letzten Runde aus eigener Kraft schaffen können. Durch die Punkteteilung im Spitzenkampf gegen Bosna Sarajewo nutzten die Russen jedoch die Chance sich noch an die Spitze zu setzen.
Alexander Grischuk zelebrierte dann auch bei der Pokalübergabe den Moment mit eindeutigen Siegesgesten inklusive Pokalküssen. Ganz so überschwänglich wie bei einem Champions League Finalsieg wurde zwar noch nicht gefeiert, doch langsam bewegt sich die Szene wohl in diese Richtung. Jedenfalls sah man in Kalithea schon etliche Weltklassespieler in Mannschafts-T-Shirts mit Rückennummern und Namenszug herum laufen, ganz wie Beckham und Co.
Dritter wurde das Team aus Kiev, gegen die wir in der zweiten Runde arg unter die Räder kamen.
Unsere Spieler spielten in unterschiedlicher Form. David Baramidze auf Brett 1 hatte gegen den Engländer Andrew Ledger in Runde 3 einen Rückschlag zu verzeichnen, spielte aber gegen Weltklasseleute wie Karjakin, Tregubov und Zvaginsev remis und zeigte sich von zu letzt eher durchwachsenen Leistungen erholt. Arik Braun verlor nur gegen den 2700-Mann Jakovenko und Rang mit david Alberto einen "Fast-2600er-Mann" nieder. Er darf sich über ein ELO-plus freuen. Alex Naumman erreichte genau 50 %. Valery blieb in diesem Turnier mit nur zwei Remis unter seinen Möglichkeiten. Bleibt zu hoffen, dass für den Bundesligastart und vor allem die bevorstehende Olympiade in Dresden die
Form zurückkehren wird. Michael Bezold erreichte solide 3,5 Punkte und hat auch als Captain mit seinen Neuerungen, vor allem den konsequenten Team-Meetings nach jeder Runde überzeugt. Für Milan bleibt zu hoffen, dass vor allem die unglückliche Niederlage in Runde sieben ohne Spuren an ihm vorübergeht. Stünde das Remis tatsächlich in den Büchern, dann hätte auch Milan Grund sich über ein gutes EC-Resultat zu freuen, so blieb doch eine Bilanz von -1 bei einer allerdings äußerst starken spielerischen Vorstellung zum Abschluß. Dmitry Atlas war wie immer bei großen Anläßen in der Bundesliga oder im Europacup eine Klasse für sich. Er spielte deshalb als einziger neben David Baramidze alle 7 Partien durch. Er hat bewiesen, dass er die Klasse eines Internationalen Meisters hat, auch wenn die 5 aus 7 (ELO-Leistung 2505) formal keine IM-Norm waren.
Die Ergebnisse der Hohenemser Spieler:
GM David Baramidze 3 aus 7
IM Arik Braun 3,5 aus 6
GM Alex Naumann 3 aus 6
IM Valery Atlas 1 aus 5
GM Michael Bezold 3,5 aus 6
IM Milan Novkovic 2 aus 5
FM Dmitry Atlas 5 aus 7
gesamt 21 Punkte aus 42 Partien
3 Mannschaftssiege
2 Unentschieden
2 Niederlagen
Rang 26 bei 64 Mannschaften
Das war der Europacup 2008. Die Koffer sind gepackt, die Teams sind schon weg oder warten wie wir auf ihre Busse, die sie zum Flughafen nach Thessaloniki bringen. Das Schachkarussell dreht sich weiter, etliche der Teilnehmer auch von der Hohenemser Mannschaft machen sich auf nach Deutschland, wo bereits morgen und am Sonntag Bundesliga gespielt wird.
In zwei Wochen treffen sich wieder einige, die hier zu sehen waren in St. Veit zum Bundesligaauftakt in Österreich. Unmittelbar danach trifft sich die Schachwelt in Dresden, wo alles was Rang und Namen hat sich trifft, um das stärkste Nationenteam der Welt zu ermitteln. Auch Anand und Kramnik, die zur Zeit noch in Bonn um die Schachweltmeisterschaft spielen werden dort für Russland bzw. Indien an den Start gehen.
Wir waren dabei. Ciao Kalithea, das griechische Wort für auf Wiedersehen fällt mir gerade nicht ein.
