

Die Runden 4-7 in Leoben verliefen für den Schachklub Hohenems mehr als zufriedenstellend. Mit beeindruckenden Leistungen wurden drei von vier Matches jeweils klar mit 4 : 2 gewonnen, dazu waren das noch die äußerst wichtigen Begegnungen gegen die Tabellennachbarn Baden, Absam und Jenbach. Nur gegen Bundesligatabellenführer Maria-Saal setzte es mit 1,5 : 4,5 eine hohe Niederlage. Ein eindrucksvolles Debüt in der 1. Bundesliga gelang Dmitry Atlas (Bild). Er gewann drei von vier Partien und alle drei spektakulär. Die Stellung rechts ergab sich in seiner Partie gegen den Jenbacher Kleissl. Mit 35. ... d4+ setzte er den Schlußpunkt und zwang den Gegner zur Aufgabe da Matt in spätestens acht Zügen unvermeidlich ist.
"An dieses Bundesligawochenende werden wir uns noch lange und gerne erinnern" war sich Mannschaft und Spielercoach Heinz Grabher einig. Bedingt durch einige Ausfälle (Jan Gustafsson und David Baramidze waren bei den Deutschen Einzelmeisterschaften, Arik Braun stand wegen seinem Abitur nicht zur Verfügung unf Guntram Gärtner war beruflich unabkömmlich) fuhr man doch mit etwas gemischten Gefühlen und einem Team in die steirische Stahl- und Biermetropolem, das in dieser Zusammensetzung noch nie zu sehen war.
Die Erkenntnis aus den vier Runden in Leoben ist jedoch, dass Hohenems über eine überaus breite Spielerpalette verfügt und auch bei Ausfall von vier Topleuten nicht so leicht aus der Bahn zu werfen ist. Die Spieler waren von Coach Heinz Grabher offensichtlich blendend eingestellt. Bis auf zwei Partien, die schnell Remis gegeben wurden war man bereit, Risiko zu nehmen und den Kampf zu suchen. Daraus entwickelten sich eine Reihe von äußerst spektakularen Partien, die die Herzen der Fans zu Hause an den Liveschirmen höher schlagen ließen. Erfreulich ist auch, dass eine Schlappe sich nicht negativ auf die Moral der Mannschaft auswirkt. Nach dem Debakel gegen Maria-Saal wurde gleich darauf zweimal mit 4 : 2 eindrucksvoll gekontert.
Die Hohenemser Spieler im einzelnen:
Valery Atlas: Valery hatte als einziger Amateuerspieler auf Brett 1 gegen vier prominente Profi-Großmeister anzutreten und wuchs bei dieser schwierigen Aufgabe beinahe über sich hinaus. Gegen den tschechischen Jungstar Viktor Laznicka ließ er keinerlei Chancen zu und erreichte souverän die Punkteteilung. Wesentlich härter zu kämpfen hatte er gegen den für Absam spielenden Kroaten Goran Dizdar. Erst nach 111 Zügen und einem 48 Züge lang gespielten Endspiel Turm gegen Läufer willigte sein Gegner ins Remis ein. Auch in seiner einzigen Verlustpartie gegen Dusko Pavasovic erreichte er ein ausgeglichenes Mittelspiel. Der Slowene in Diensten von Maria Saal konnte jedoch éin Druckspiel erzeugen, dem er nach langem Widerstand schließlich nicht mehr gewachsen war. Die wohl spektakulärste Partie war aber die gegen Leonid Kritz (Jenbach). Zunächst vermied Valery eine dreimalige Stellungswiederholung und spielte mit Qualitätsopfer auf Gewinn. Mindestens einmal gab es dann auch eine klare Gewinnfortsetzung, die er jedoch übersah. Dannach konnte sich Kritz mit einer Zugwiederholung und Dauerschach ins Remis retten.
Alexander Naumann: Alex spielte vier solide Partien, die alle remis enden hätten können. In seiner Weisspartie gegen Henrik Teske wollte er aber zu viel, lehnte das Remisangebot ab und verlor am Ende das schlechter stehende Turmendspiel.
Michael Bezold: mit drei Punkten von vier möglichen gehörte Michael zu den ganz fleißigen Punktesammlern. Schöne Gewinnpartien glückten gegen Stefan Löffler und Oliver Lehner. Beim Remis gegen Dmitry Bunzmann war eine gehörige Portion Glück dabei, das Turmendspiel war verloren. Gegen Eckhard Schmittdiel stand er mit schwarz schon besser, vergab den Vorteil aber durch ein, zwei ungenaue Züge.
Milan Novkovic: Milan war an diesem Wochenende eine Bank, es gab drei Remis und eine sehr schöne Gewinnpartie gegen den Absamer Werner Dür in 21. Zügen. Besonders die Remispartie gegen Markus Stangl verlief dramatisch. Etwas was man ganz selten sieht: beide Könige standen ohne jeden Bauernschutz da und das bei allen Schwerfiguren und je einer Leichtfigur auf dem Brett. Das Bauernplus (2:1 am Damenflügel) war in dieser Stellung bedeutungslos. Nachdem die Damen getauscht wurden gaben die Spieler beim 40. Zug remis. Die beiden anderen Punkteteilungen gab es gegen Reinhard Lendwai und Marko Tratar.
Heinz Grabher: um weitere Einsätze in der zweiten Bundesligamannschaft möglich zu machen, durfte Heinz nur eine Partie spielen. Es gab also nur eine einzige Chance und Heinz nutzte sie mit einem sicheren Remis gegen Siegfried Baumegger. Nebenbei und vor allem an den drei folgenden Spieltagen fungierte er in bewähter Manier als Coach. Und bei den Partien der Kollegen spürte man dann förmlich seine harte Hand. Die Beobachter aus der Ferne waren sich einig: selten hat man eine so entschlossen kämpfende Hohenemser Mannschaft gesehen. Ein Team auf den Kampf richtig einzustellen ist ein Teil des Erfolgs, auch beim Schach, obwohl sechs einzelne Partien unabhängig voneinander gespielt werden.
Günter Amann: bei Günter begann das Wochenende in Leoben mit einer durch Sturmtief Kyrill arg beeinträchtigen Fahrt in die Steiermark. Die Prognosen waren am Vortag noch so, dass man sogar davon ausgehen mußte, dass gar keine Züge fahren so wie in Deutschland, das Kyrill mit voller Wucht getroffen hat. Schließlich war dann die Fahrt über das deutsche Eck nicht möglich, aber die Umleitung über Zell am See führte zumindest bis nach Bischofshofen, wo für mehr als 1,5 Stunden Endstation war. Mit dem Anschlußzug war es nicht mehr zu schaffen, rechtzeitig um 14.00 Uhr in Leoben zu sein. Der Rest der Strecke mußte also mit dem Taxi zurückgelegt werden. Die anstrengende und mit einigen Aufregungen verbundene Reise hatte dann sichtlich Auswirkungen auf sein Spiel gegen Andreas Diermair. Günter schlitterte in eine in der Theorie als schlecht für schwarz bekannte Variante die zudem Neuland für ihn war. Die nur schwer zu haltende Stellung war dann schon im 27. Zug nach einem schweren Fehler aufgabereif. Volle Rehabilation gab es dafür tags darauf in der Partie gegen den Absamer Michael Gerhold, die Günter mit couragiertem Spiel für sich entscheiden konnte. Das Wochenende wurde mit einem schnellen Remis gegen den Deutschen Michael Schwarz abgerundet.
Dmitry Atlas: wie schon eingangs erwähnt war Dmitry sicher eine der tragenden Säulen in Leoben. Dmitry hat in allen Partien so richtig aufgedreht, wie man es sonst nicht immer von ihm sieht. In seinen ersten vier Bundesligapartien zeigte er sich aber von seiner besten Seite. Gegen Stefan Brandner, Josef Ferrari und Helmut Kleissl war er einfach eine Klasse für sich. Trotz teilweise zähem Widerstand waren die drei an diesem Wochenende dem phantasievollen Angriffsspiel des Debütanten im Hohenemser Team nicht gewachsen. Nur einmal fand er seinen Meister in Franz Hölzl, dem fast muß man sagen im Atlas-Stil mit Qualitätsopfer eine Traumpartie gelang.
Wie ist nun die Lage vor den letzen vier Runden in Mattersburg vom 8. - 11. März?
An der Spitze zeichnet sich wie letztes Jahr erneut ein dramatisches Finale ab bei dem die ersten sechs Mannschaften nur durch 2,5 Punkte getrennt alle noch Chancen auf den Meistertitel haben.
Das "Mittelfeld" wird von Hohenems gebildet, sowohl nach vorne wie auch nach hinten tut sich eine Lücke auf, wenngleich der Abstand zur Spitze (1,5 Punkte) nur halb so groß ist wie der Abstand nach hinten (3 Punkte). Auf den Plätzen 8 - 10 liegen drei Mannschaften (Jenbach, Baden, Absam) die nach menschlichem Ermessen den dritten Absteiger unter sich ausmachen werden. Leoben und Tschaturanga liegen abgeschlagen am Tabellenende. Wie schwer es in der Bundesliga geworden ist zeigt, dass man durchaus auch gegen das weit abgeschlagene Schlußlicht aus Wien hoch 1 : 5 verlieren kann, wie in der 7. Runde geschehen. Der Leittragende war ausgerechnet Veranstalter Leoben, wie man überhaupt beobachten kann, dass Veranstalter selten auch sportlich glänzen.
Alle Ergebnisse und Partien im PGN-Format: Live-Seite